Mein erstes „A********!“

Als Zugbegleiter bin ich stets freundlich. Ich beantworte jede noch so unnötige Frage gerne und stehe unseren Kunden mit Rat und Tat zur Verfügung. Mich in Rage zu bringen ist schwierig. Selbst Schwarzfahrern versuche ich mit der nötigen Freundlichkeit gegenüber zu treten. Doch da gab es mal einen Fall, da rutschte mir dieses berühmte A*-Wort raus.

Es war ein ruhiger, sonniger Samstagmorgen. Ich war unterwegs zwischen Bern und Interlaken. Viele Wanderer waren unterwegs ins Berner Oberland. Die Stimmung war ausgezeichnet. Auch einige Jugendliche waren unter den Fahrgästen. Diese waren auf dem Heimweg aus der Hauptstadt. Auch diese waren bestens gelaunt. Wenn auch todmüde.

Ich betrat den zweitvordersten Wagen, um mit der Billettkontrolle zu starten. Bereits da bemerkte ich die besetzte Toilette auf der anderen Seite des Wagens. Ich fuhr in Ruhe mit der Kontrolle fort, ehe ich zum geschlossenen WC kam. Mittlerweile waren bereits einige Minuten vergangen.

Ich blieb bei der Toilette stehen und lauschte. Ich hörte Geräusche, sodass ich sichergehen konnte, dass sich eine Person darin befand. Ich klopfte an die Tür. «Ein Moment bitte», schrie es aus der kleinen Kammer. Ich gab der Person weitere Minuten. «Alles in Ordnung?», fragte ich nach. «Ja!», kam etwas genervt zurück.

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Person sich der Kontrolle entziehen wollte. Die Stimme erklang auf meiner Kopfhöhe. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Person auf der Toilette sitzt. Nach wiederum einigen Minuten verlangte ich das Billett nochmals mit bestimmter Stimme. «Ich bin am Ka****, verdammt noch mal», tönte es aus dem WC. Seit ich den Wagen betrat, waren mittlerweile mindestens 15 Minuten vergangen.

Wir waren mittlerweile kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Thun. In solchen Fällen hätte ich die Möglichkeit, die Polizei beizuziehen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt öffnet sich die WC-Tür normalerweise von selbst. Doch ich verzichtete drauf, weil ich genau wusste, dass sich die Person in Thun sowieso gleich aus dem Staub machen wird.

So war es dann auch. Kaum öffnete sich die Zugstür, öffnete sich auch jene des WCs. Ich fragte den Mann nochmals verzweifelt nach dem Billett. «Tut mir leid. Ich habe keines. Schöne Daag!». Ich war ausser mir. Der Schwarzfahrer hatte obsiegt. «Bisch es Arschloch!», schrie ich ihm entnervt hinterher. Die Tatsache, dass ich machtlos war und der Mann unbestraft davonkam, machte mich fertig. Die Ungerechtigkeit hatte gesiegt.

Es war nicht richtig, wie ich reagiert habe. Solche Momente kommen leider vor. Damit muss ich umgehen können. Ich war froh, dass in diesem Moment keine anderen Fahrgäste in der Nähe waren. Wer weiss, manche Kunden melden solche Vorkommnisse und schwärzen das Zugpersonal an. Das ist grundsätzlich nicht falsch. Solche Aussetzer können vorkommen. Sollten einfach nicht. Doch auch wir sind nur Menschen.

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