Rundumservice

Es war ein gemütlicher Nachmittag. Ich war unterwegs zwischen Zürich und Basel via Frick. Die Abfahrt am Zürcher Hauptbahnhof stand kurz bevor. Da schlichen zwei Senioren aufs Perron. Sie war gute 70 Jahre alt. Er mindestens 90. Während die Dame körperlich einen gesunden Eindruck machte, brachte der Herr kaum ein Bein vors andere.

Die Dame fragte mich höflich, ob sie in der ersten Klasse Platz nehmen dürfen. «Mein Mann schafft es nicht mehr rechtzeitig bis zur zweiten Klasse», meinte sie. Mir blieb nichts anderes übrig als Ja zu sagen. Doch schon der Einstieg entpuppte sich als grosse Herausforderung. Zu zweit mussten wir ihn wortwörtlich in den Wagen hieven. Gerade noch reichte es für eine pünktliche Abfahrt.

Unterwegs kontrollierte ich die Billette der beiden. Sie waren auf dem Weg nach Mannheim. «Dürfte ich bitte Ihr Mobiltelefon ausleihen? Ich muss unseren Arzt in Mannheim erreichen», sagte die Dame. Eine seltene Frage heutzutage. Ich übergab es ihr und sie telefonierte frisch fröhlich drauflos.

In Basel angekommen durchlief ich nochmals den Zug. Die beiden sassen noch immer an ihrem Platz. «Ach, das ist Basel? Endstation? Wir brauchen eine Verbindung nach Mannheim!» Der nächste Zug ging in zehn Minuten. Ein Ding der Unmöglichkeit für die beiden. «Können Sie denn uns nicht einen Rollstuhl organisieren?». Langsam erreichten die Wünsche der Dame ein kaum zu erreichendes Level. Ich kontaktierte die Bahnhofshilfe. Doch die war gerade mit einem Herrn beschäftigt der auf eben jenen ICE in Richtung Mannheim musste. Meinen beiden Gästen blieb nichts anderes übrig, als die Strecke von Gleis 3 zu Gleis 12 zu Fuss in Angriff zu nehmen. Wer den Bahnhof Basel kennt, weiss wie weit das ist. Zumal die beiden

ja zuhinterst in meinen Zug gestiegen waren und keine Treppen benutzen konnten.

Ich begleitete die beiden ein Stück. Der gebrechliche Mann brauchte satte 15 Minuten, bis er nur schon das vordere Ende unseres Zuges erreicht hatte. Geschätzt einen Fünftel der ganzen Strecke zu Gleis 12.

Ich verabschiedete mich von den beiden und wünschte ihnen noch eine angenehme Weiterreise. Da hatte die Dame noch einen allerletzten Wunsch: «Haben Sie in ihrem Koffer nicht noch etwas zu trinken für meinen armen Mann?» Jetzt war das Level endgültig zu hoch. «Tut mir leid, aber das kann ich ihnen nun wirklich nicht bieten.» Ich hatte zwar eine angefangene Flasche Wasser dabei. Die Dame stand aber fünf Meter neben einem Kiosk. Die Dame verstand meine Absage nicht wirklich. Sie erwartete tatsächlich, dass ich auch diesen Wunsch erfüllen kann.

Ich weiss, dass ich unterwegs für die Kunden der SBB da sein soll. Beim besten Willen ging mir diese Szene aber ein bisschen zu weit. Superkräfte habe ich leider (noch) keine.

2 Antworten auf “Rundumservice”

  1. Da frage ich mich schon, in welcher Welt solche Leute leben und ob die das nicht extra machen.
    Mein Vater wird auch 90 und für mich ist es klar, dass ich in erster Linie für ihn sorgen muss und nicht irgend eine fremde Person.

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