Irgendwo im Nirgendwo

Der Tag neigte sich dem Ende entgegen. Auf mich und meine Kollegin wartete die letzte Leistung des Tages: Mit dem letzten InterRegio ging es kurz nach Mitternacht von Zürich nach Basel. Es war bisher ein ruhiger Donnerstag.

Bereits vor Abfahrt bemerkten wir auffällig viele Fahrgäste in Lederhosen und Dirndl. Wie sich herausstellte fand in Winterthur ein grösseres Oktoberfest statt. Die Gäste waren auf dem Nachhauseweg. Natürlich bei bester Laune.

Wir starteten unseren Kontrollgang. In der 1. Klasse trafen wir auf vier junge Oktoberfest-Besucher. Wir plauderten kurz, die Stimmung war hervorragend. Die Halte in Lenzburg und Aarau vergingen wie im Flug. Ohne weitere Vorkommnisse.

Kurz nach Abfahrt in Aarau kontrollierte ich eine junge Dame. Sie schreckte auf und bemerkte sofort, dass sie den Halt in Aarau vergessen hatte. Ich empfahl ihr in Sissach auszusteigen. Mit der letzten S-Bahn würde sie es immerhin noch bis Olten schaffen. Ebenfalls bat ich ihr mein Handy an, damit sie jemanden kontaktieren konnte. Sie lehnte dankend ab.

Bereits waren wir an der Spitze des Zuges angekommen. Da bemerkte ich auf der vordersten Platform einen jungen Mann. Ich steuerte direkt auf ihn zu. „Mist! In letzter Sekunde haben sie mich erwischt. Ich habe kein Billett“, sagte er. Ich fragte nach seiner Zieldestination. „Nach Aarau natürlich!“, antwortete er. Ich musste mir das Lachen verkneifen. „Da waren wir vor 5 Minuten“, entgegnete ich ihm. „So ne Scheisse aber auch!“

Ich nahm seine Personalien auf und gab auch ihm den Rat mit der S-Bahn nach Olten. Da öffnete sich die Abteiltür. Ein Mann mit verschlafenem Gesicht blickte mich ratlos an: „Entschuldigen Sie, wann sind wir denn endlich in Aarau?“ Ich traute meinen Ohren nicht. „Das gibt’s ja nicht! Sie auch noch?!“ Langsam zweifelte ich an mir selber. Haben wir wirklich in Aarau gehalten? Doch. Ich hatte den Zug ja schliesslich abfertigen müssen.

Der Mann ohne Fahrausweis fragte nach meinem Handy. „Ich habe kein Guthaben mehr. Mein Kollege wartet in Aarau auf mich. Bitte!“ Zähneknirschend streckte meine Kollegin dem Mann das Handy entgegen. Bereits war der verschlafene Mann gegenüber daran, seine Frau anzurufen. „Per favore, amore! Hole mich doch bitte in Olten ab!“, flehte er ins Telefon.

Die beiden stiegen in Sissach aus und fuhren – zusammen mit der Dame – mit der S-Bahn nach Olten zurück. Ob sie jemals Zuhause ankamen und ob die Amore auch wirklich zu später Stunde nach Olten fuhr, entzog sich unserer Kenntnis.

Kurze Zeit später kamen wir in Basel an. Ein letzter Kontrollgang durch den Zug und der Feierabend war Tatsache. Da schlief im ersten 2. Klasse Wagen noch ein Mann ganz friedlich. Nach einigem Zerren und Anschreien Aufwecken war er wach und verliess torkelnd den Zug.

Da bemerkten wir zu guter Letzt eine geschlossene Toilette. Wir klopften an. Es näherte sich eine Person und öffnete die Tür. Eine Dame verliess kommentarlos den Zug und machte sich aus dem Staub. Der Boden des Waschraums war voller Fäkalien. Es war der Schlusspunkt unter einem denkwürdigen Abend.

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