Ein Koffer auf Abwegen

Da lag er. Einsam und verlassen zwischen zwei Sitzen im Zug nach Zürich. Der dunkelblaue Stoffkoffer gehörte Frau Blattner, welche an jenem Sommertag eine kleine Schweizerreise unter die Füsse nahm. Ab Zürich ging es via Göschenen, Andermatt nach Brig und von da via Spiez ins schmucke Gstaad. Den Koffer packte sie für ihre Übernachtungen im Berner Oberland.

Soweit so gut, hätte Frau Blattner ebendiesen Koffer nicht beim Umsteigen in Erstfeld im Zug zurückgelassen. Im Regionalzug von Erstfeld nach Göschenen bemerkte sie den Lapsus. Der Zufall wollte es, dass neben ihr der Lokführer des vorherigen Zuges platzgenommen hatte. Dieser handelte gedankenschnell und kontaktierte sofort mich als Zugchef. Ich brachte den Zug mit dem Koffer von Erstfeld zurück nach Zürich.

Innert weniger Minuten war der Koffer gefunden und bei mir in sicheren Händen. Nun sollte dieser aber natürlich möglichst schnell nach Gstaad gelangen, um am Abend Frau Blattner zur Verfügung zu stehen. Frau Blattner fragte nach, ob es möglich wäre den Koffer als Gepäckversand nach Gstaad zu verschicken. Ich willigte ein und brachte den Koffer in Zürich zum Gepäckservice.

In Zürich angekommen stand da eine lange Schlange vor dem Gepäckschalter. Beste Reisezeit im Sommer. Ein Angehöriger der Armee lies mich vor um die Sache etwas zu beschleunigen. Die Kollegin am Gepäckschalter druckte umgehend den Beleg und nahm den Koffer entgegen. «Jetzt müssen wir nur noch schauen, wie wir zum Geld für die Versandgebühren kommen», meinte sie. Ich hatte die Telefonnummer von Frau Blattner erhalten, sodass ich alles Weitere mit ihr klären konnte. Da meldete sich der Soldat hinter mir: «Ich habe noch zwei Gutscheine für Gepäckversande. Nehmen sie diese. Ich brauche sie sowieso nicht.»

Was für eine Geste! Der Mann zahlte also den Versand aus seinem Sack. Ich bedanke mich wiederum und überreichte ihm Kaffeegutscheine. Der Koffer war also auf dem Weg nach Gstaad und sollte da zwei Tage später zum Abholen bereit sein.

Ich rief Frau Blattner umgehend an um ihr die frohe Botschaft zu überbringen. «Oh nein!», meinte sie, «ich fahre bereits morgen früh wieder zurück nach Zürich. Das reicht somit nicht rechtzeitig.» Ich begab mich erneut zum Gepäckschalter, um die ganze Übung wieder auf Start zu setzen. Der Koffer war zu dieser Zeit bereits in den Niederungen des Zürcher Hauptbahnhofs verschwunden. Ich und ein Mitarbeiter des Gepäckservice machten uns auf den Weg um den Koffer zu finden. Irgendwo unter der Perronhalle fanden wir ihn und brachten ihn zurück ans Tageslicht. Der Versandauftrag wurde storniert. Der Koffer sollte Gstaad doch nie zu Gesicht bekommen.

Da kann man noch so gute Ideen und enorm hilfsbereite Menschen um sich herumhaben. Alles hat nichts genützt. Ob ich, der grosszügige Soldat oder die Herren und Damen vom Gepäckschalter: Wir alle taten unser Bestes, waren schlussendlich aber doch machtlos. Frau Blattner wusste dies zu schätzen und bedankte sich herzlich. Dennoch musste sie ohne ihren Koffer auskommen. Sie holte ihn zwei Tage später am Gepäckschalter in Zürich ab.

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