Eine Liebeserklärung an den Pendler

Liebe Pendlerin, lieber Pendler

Wir befinden uns mitten in der Altjahreswoche. Seit den Festtagen bleibst du und deine Artgenossen Zuhause unter deiner warmen Decke. Du geniesst deine wohlverdienten Ferien und verbringst hoffentlich wundervolle Weihnachtstage. Unsere Züge zu den Hauptverkehrszeiten sind entsprechend weniger ausgelastet.

Zugegeben: Ich geniesse die teils ruhigen Minuten in den sonst so überfüllten Pendlerzügen. Auch ich kann das Jahr somit gemütlich ausklingen lassen und mich noch mehr um die Anliegen unserer Kunden kümmern.

Dennoch vermisse ich dich in diesen Tagen ungemein. Die leeren Züge am Morgen und am Abend sind das Eine. Die mühsame Arbeit dazwischen das Andere.

Ich will jetzt bei dir nicht lästern. Doch diese Ausflügler und Gelegenheitsfahrer, welche dieser Tage unsere Züge fluten, rauben mir den letzten Nerv. Versteh mich bitte nicht falsch: Ich heisse jeden Fahrgast gerne willkommen. Auch Gelegenheitsfahrer sind gern gesehene Gäste und ich bin auch immer freundlich und zuvorkommend zu ihnen. Aber sie sind mal eben nicht so wie Du.

Wenn du am Morgen mit Kaffee und Zeitung zum Zug spazierst, so weisst du genau wo du deinen Platz findest. Ja du steigst auch mal ganz hinten ein, weil du genau weisst, dass in der Zugmitte kein Platz ist. Du checkst deine Verbindung über die App und hast dein Abo immer griffbereit. Dumme Fragen kommen bei dir nicht vor. Wenn du mir mal was zu sagen hast, dann meistens, weil wir was verbockt haben.

Das sieht bei den Gelegenheitsfahrern etwas anders aus. Gefühlte hundert Mal am Tag beantworte ich Fragen wie: „Fährt dieser Zug nach Zürich?“ oder „In welche Richtung fährt dieser Zug“. Ja, das kann einem zur Weissglut treiben. Vor allem wenn ich dann sogar in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs nach der Richtung des Zuges gefragt werde. Solche Dinge bekomm ich von dir nie zu hören.

Auch ärgerlich in dieser Jahreszeit sind die Tonnen an Gepäck, welche Ausflügler, Skifahrer, Flugpssagiere und Co. mit sich bringen. Sperrige Ski, Berge an Koffern und dutzende Tragtaschen vom Weihnachts-Shopping. Alles muss mit. Nur leider findet sich kein Platz in den Zügen. Auch kennen viele die Insider-Tipps nicht. Grosse Gepäckstücke gehören zwischen oder unter die Sitze. Oder in die grossen Gepäckfächer. Aber dir muss ich das ja nicht beibringen. Ich vermisse deinen handlichen, kleinen Aktenkoffer.

Dann kommt noch die Sache mit den Billetts dazu. Du hast ja dein Abo immer in der Hosentasche. Bei den Ausflüglern ist das ganz anders. Da dauert es schon mal seine Zeit, bis Hans und Trudi ihre Billetts hervor gekramt haben. Dann kommt es regelmässig vor, dass sie mit Sparbilletten im falschen Zug sitzen und nicht verstehen, warum der freche Kondukteur jetzt ein Problem damit hat. Manchmal gipfelt es gar darin, dass sie sich ihre eigenen Regeln machen. „Klassenwechsel? Nicht nötig. Ich fahr ja nur eine Station.“ Oder: „Halbtax vergessen? Kein Problem. Morgen hab ich’s wieder dabei.“

Du siehst: Ich vermisse dich wirklich. Die Zeit ohne dich, ist alles andere als einfach für mich. Ich hoffe du verbringst schöne Feiertage im Kreise deiner Liebsten und freue mich bereits jetzt auf ein Wiedersehen im neuen Jahr. In diesem Sinne: Guete Rutsch und Danke für deine Treue!

Bis bald!

Bemerkung: Dieser Text soll keine Abrechnung mit Teilen meiner Fahrgäste sein. Sowohl Pendler wie auch alle andere Passagiere heisse ich gerne willkommen. Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Und falls ihr mal so eine von mir bekommt: Lasst es mich wissen. Ich wünsche schöne Feiertage und gute Fahrt!

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